Denkmallandschaft Berliner Mauer am Spreeuferweg “Holzufer”

Text gibt den Stand von August 2014 wieder

(die hier beschriebenen Element der Mauer sind im Jan 2015 unter Denkmalschutz gestellt worden!)

In diesem Jahr wird mit großem Aufwand, anlässlich des 25. Jahrestages zur Öffnung der Mauer, der Verlauf der Sperranlagen der DDR im Stadtbild kenntlich gemacht[i]. Angesichts dieser Anstrengungen ist es nicht nachvollziehbar wie das Bezirksamt Mitte im selben Jahr einen Vorentwurf für einen Bebauungsplan vorlegen kann, der den Abriss von Denkmalgeschützen Mauerelementen vorsieht. So geschehen mit dem Bebauungsplan „Holzufer“ I 32aa zur Errichtung des Uferwegs an der Spree zwischen Schillingbrücke und Michaelkirchstraße[ii]. Wer sich nun näher mit dem betreffenden Uferabschnitt befasst, muss dann aber leider auch feststellen, dass auf Seiten des Landes Berlins und des Bezirkes keine rechten Kenntnisse über die Situation vor Ort vorliegen.

Im Juni dieses Jahres wurde in einer vorgezogenen Bürgerbeteiligung der Bebauungsplan Vorentwurf „Holzufer“ I 32aa öffentlich ausgelegt. Bis zum 23. Juli bestand die Möglichkeit sich dazu zu äußern. Ziel des Bebauungsplanes ist es in einem 10 bis 20 Meter breiten Streifen entlang des Spreeufers einen durchgängigen Weg für Fußgänger und Radfahrer anzulegen. Dieser soll, was durchaus nachvollziehbar erscheint, auch für Rettung- und Wartungsfahrzeuge nutzbar sein.

Das besondere an dem Plan, im Abschnitt zwischen Schillingbrück und Michaelkirchstraße ist, dass er in der Verlängerung des Paula-Thiede-Ufers nicht einen Fußgänger und Radweg, sondern eine öffentliche für Fahrzeuge nutzbare Straße ausweist.[iii] Diese verläuft entlang des Ufers parallel der noch erhaltenen Teile der Eisfabrik. Diese Straßenführung ist im Plan deutlich durch eine durchgezogene gelbe Linie gekennzeichnet. In den Erläuterungen zum Bebauungsplan heißt es dazu: „In Fortführung des Paula-Thiede-Ufers soll eine befahrbare Straßenverkehrsfläche zur besseren Erschließung der spreeseitigen Grundstücke beitragen.[iv]

Quer zu der im Bebauungsplan vorgesehenen Straßenführung befinden sich allerdings die seit 2005 unter Denkmalschutz stehenden Elemente der „Hinterlandmauer“[v]. Würde die Straße wie im Bebauungsplan Vorentwurf verzeichnet auch gebaut, dann wäre das ein Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz des Landes Berlin. Die Mauersegmente müssten schlicht abgerissen werden.

Mauer Luise Nord berlin

Prof. Dr. Axel Klausmeier (Direktor der Stiftung Berliner Mauer) und Prof. Dr. Leo Schmitt (Lehrstuhls für Denkmalpflege BTU Cottbuss) haben im Jahre 2003 die damals noch vorhandenen Teile der Berliner Mauer dokumentiert. In ihrem Buch „Mauerreste – Mauerspuren“ beschrieben sie diesen Mauerabschnitt als ein überaus interessantes Areal[vi].

Denn hier sind die unterschiedlichsten Elemente von Vorfeldsicherung und Hinterlandmauer erhalten. Diese besteht aus Anlegestelle für Schnellboote, einem Postenweg, dem Hinterlandsicherungszaun mit einem Tor, sowie einer Treppenanlage zum Spreeufer und den Lampen zur Ausleuchtung des Grenzgebietes und des Industriegeländes.

Sollte die Straßenführung wie im Bebauungsplan verzeichnet angelegt werden, so müsste nicht nur die Hinterlandmauer beseitigt werden. Es würde vielmehr ein bis heute erhaltenes, aufeinander aufbauendes System von unterschiedlichen Elementen der Sperranlagen zerstört werden.

 

Axel Klausmeier und Leo Schmitt weisen in ihrem Buch darauf hin, dass den nach West Berlin gerichteten Teilen der Berliner Mauer eine große Bedeutung beigemessen worden sei. Es seien aber die Vorfeldsicherungen und die Hinterlandmauer gewesen, die die Sperranlagen für die Bürger der DDR unüberwindlich gemacht hätten[vii]. Gerade viele dieser Elemente sind im betreffenden Uferabschnitt noch erhalten.

Das ein Abriss der Berliner Mauer an dieser Stelle nach dem Bebungsplan beabsichtigt sein könnte, darauf weist ein Satz in den Erläuterungen des Vorentwurf hin. Darin heißt es, „Innerhalb des Geltungsbereichs des Bebauungsplans – (das meint den 10 bis 20 Meter breiten Streifen des Uferwegs) – befände sich kein Baudenkmal[viii].“ Dieser Satz ist nicht zutreffend, denn die dort vorhandenen Reste der Berliner Mauer stehen bereits seit 2005 unter Denkmalschutz. Zum anderen widerspricht diese Aussage den Angaben des Landesdenkmalamtes, das die gesamte Fläche der Eisfabrik und somit das Grundstück bis an das Spreeufer als ein Denkmalensemble ausweist[ix].

Wer sich vor Ort genauer umschaut muss dann allerdings feststellen, dass sich die unter Schutz stehenden Mauersegmente nicht auf dem Grundstück befinden, auf dem sie laut Landesdenkmalamt verzeichnet sind. Die Mauerteile stehen auf den Nachbargrundstücken, die zum einen dem Land Berlin zum größeren Teil aber einem Privateigentümer gehörten. (Laut Einsicht in Karten des Vermessungsamt Bezirksamt Mitte, Juli 2014)

Darüber hinaus ist dem Bootsbunker, der sich auf dem Gelände der Baugenossenschaft Spreefeld eG befindet, bisher überhaupt keine Aufmerksamkeit geschenkt worden. Im Bunker sind Teile der Mechanik der Rolltore sowie die Telefonanlage erhalten. Gerade diesem Bauwerk sowie den dazu gehörigen Bootsanlegestellen, die stellvertretend für die wasserseitige Sicherung der Sektorengrenze stehen, kommt eine besondere Bedeutung als Teil der Sperranlagen der DDR zu.

Zugnag zum Bootsbunker

Bebauungsplan / Gestaltung des Uferweges

Um die Planungen Bezirksamt Mitte für den Uferweg vorzustellen, wurde am 01.07.2014  zu einer Informationsveranstaltung in die Evangelische Schule in der Wallstraße geladen. Auf der Veranstaltung machte der Baustadtrat des Bezirkes Mitte, Carsten Spalleck, CDU, deutlich, dass es bisher keine konkreten Pläne zur Gestaltung des Uferweges gäbe. Außerordentlich positiv war, dass das Bezirksamt Mitte neue Wege zur Gestaltung des Uferbereiches gehen möchte. Dabei sollen die Bürger vielfältige Möglichkeiten der Beteiligung erhalten so soll z. B. eine Internetplattform als Forum eingerichtet und Workshops angeboten werden.

Die Gestaltung des Uferweges ist das eine, der Bebauungsplan des andere. Denn mit dem Bebauungsplan sollen zunächst die Grundlagen für die Planung geschaffen werden. Sind Denkmale – wie in diesem Falle die Segmente der Mauer – in einem Bebauungsplan nicht angemessen verzeichnet, könnten bis dahin schutzwürdige Bauten später schlicht abgerissen werden. Von da her müssen die Reste der Sperranlagen der DDR sowie das Denkmalensemble korrekt im Bebauungsplan verzeichnet werden.

 

Darstellung der Mauer im Internet

Wer sich auf den Internetseiten über die Situation vor Ort informieren möchte stellt fest, dass alle Darstellungen des einstigen Mauerabschnittes zwischen Schillingbrücke und Michaelkirchstraße erheblich differieren, sprich sich zum Teil gar widersprechen.

In zwei Darstellungen taucht die unter Schutz stehende Hinterlandmauer gar nicht erst auf[x]. Dort wo die Hinterlandmauer verzeichnet ist, ist diese – wie bereits dargestellt – auf der Grundstücksgrenze der Eisfabrik und nicht an ihrem eigentlichen Standort eingezeichnet[xi]. An einer Stelle findet sich ein Foto von Mauersegmenten die auf dem Verdi-Gelände standen und bereits abgerissen worden sind[xii]. Die noch vorhandenen Lichtmasten sind entweder gar nicht oder an anderer Stelle vermerkt. Der Bootsbunker scheint nicht zu existieren oder ist als Postenhäuschen benannt[xiii].

Was tun?

Es entsteht der Eindruck, dass weder im Bezirksamt noch in der Senatsverwaltung ausreichend Kenntnisse über diesen Mauerabschnitt vorhanden sind. Da es keine Darstellung gibt, die die tatsächliche Situation wieder spiegelt, sollte das Bezirksamt in Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt zunächst ein Gutachten erstellen lassen, welche die historisch bedeutenden Zeugnisse der Geschichte der Berliner Mauer auf dem Gelände der Eisfabrik, im Uferbereich sowie auf den angrenzenden Grundstücken richtig widerspiegelt. Damit würden in einem ersten Schritt die unter Schutz stehenden Mauersegmente richtig kartiert. Bis dahin sollten allerdings alle Bauarbeiten auf dem Gelände unterbleiben.

Darüber hinaus sollte das Bezirksamt Mitte seinerseits auf das Landesdenkmalamt zugehen, um eine Ausweitung des Ensembleschutzes der Eisfabrik auf die, auf den Nachbargrundstücken erhaltene Reste der Berliner Mauer auszuweiten. Das gilt besonders für die Bootsanleger und den noch vorhandenen Bootsbunker, die unter Denkmalschutz zu stellen sind.

Ein weiterer sinnvoller Weg im Sinne des Denkmalschutzes wäre, wenn sich das Bezirksamt Mitte an den regierenden Bürgermeister und damit an die Senatskanzlei -Kulturelle Angelegenheiten wendet. Das Bezirksamt könnte versuchen die Aufnahme der im Bereich der ehemaligen Eisfabrik erhaltenen Zeugnisse der Berliner Mauer als einen weiteren dezentralen Ort in das Gedenkstättenkonzept der Berliner Mauer zu erwirken[xiv].

Sollte sich der Bezirk Mitte entscheiden diese Schritte zu gehen, so ist zu prüfen ob für die Instandsetzung der Anlage nicht Gelder aus dem Städtebaulichen Denkmalschutz zur Verfügung gestellt werden könnten.

Die Planung des Uferweges wird von Seiten des Bezirkes in einem größeren Kontext gesehen, nämlich als eine wasserseitige Verbindung von der historischen Mitte Berlins in die Außenbezirke. Das bedeutet für diesen Abschnitt eine Verbindung z.B. vom Petriplatz, der Wiege Berlins in den Nachbarbezirk Kreuzberg/Friedrichshain. Angesichts der hier schroff aufeinander treffenden historischen Ebenen bestünde die Möglichkeit die Geschichte nicht eindimensional in ihrer historischen Sicht auszudeuten. Es könnte der Versuch unternommen werden, die historischen Ereignisse entlang des Uferweges beginnend vom Petriplatz bis nach Kreuzberg, kontextbezogen und in seinen wechselseitigen historischen Bezügen darzustellen. Das bedeutet neue Sichtweisen und vor allem auch neue Methoden und Medien zu erproben. Die Reste der hier erhaltenen Sperranlagen der Berliner Mauer wären da ein wesentlicher Baustein.

Eberhard Elfert 08/2014

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[i] http://www.berlin.de/mauerfall2014/

[ii] 1. Entwurf, Bebauungsplans I-32aa für die zwischen Paula-Tiede-Ufer und Michaelkirchstraße an die Spree angrenzenden Flurstücke 103, 104 (tlw.), 9000 und 9002 sowie für Teilflächen der daran angrenzenden Flurstücke 9018, 9021, 9020, 319 und 106 im Bezirk Mitte, Ortsteil Mitte

http://www.berlin.de/imperia/md/content/bamitte/plang/bauleitplanung/oeffentlichkeitsbeteiligung/i-32aa/i_32aa_planzeichnung_3_1.pdf?start&ts=1403165586&file=i_32aa_planzeichnung_3_1.pdf

 2. Erläuterung zum Bebauungsplan-Vorentwurf I-32aa für die zwischen Paula-Thiede-Ufer und Michaelkirchstraße an die Spree angrenzenden Flurstücke 103, 104 (tlw.), 9000 (tlw.) und 9002 sowie für Teilflächen der daran angrenzenden Flurstücke 9018, 9021, 9020, 319 und 106 im Bezirk Mitte, Ortsteil Mitte Entwurf zur frühzeitigen Öffentlichkeitsbeteiligung gemäß § 3 Abs. 1 des Baugesetzbuches (BauGB) Stand: 17.06.2014
http://www.berlin.de/imperia/md/content/bamitte/plang/bauleitplanung/oeffentlichkeitsbeteiligung/i-32aa/i_32aa_erlaeuterung_und_tf_3_1.pdf?start&ts=1403168529&file=i_32aa_erlaeuterung_und_tf_3_1.pdf

[iii]  Siehe Anmerkung II

[iv] Siehe Anmerkung II Erläuterungen, Seite 6

[v] Direkt am südlichen Spreeufer, westlich der Schillingbrücke und im Rücken des neuen Hauptsitzes der Gewerkschaft Verdi steht noch ein rund 18 Meter langer seit 2005 denkmalgeschützter Abschnitt der Hinterlandmauer. Die am Ufer gelegene Mauer sollte unter anderem den dort befindlichen Anleger der Grenzpatrouillenboote abschirmen.
http://www.berlin.de/ce/denkmal/denkmale_in_berlin/de/berliner_mauer/mauer-denkmale/schillingbruecke.shtml – Internet 8/2014

[vi] Leo Schmidt, Axel Klausmeier: Mauerreste – Mauerspuren. Westkreuz-Verlag, Bad Münstereifel 2004, Seite. 187

[vii] Leo Schmidt, Axel Klausmeier: Mauerreste – Mauerspuren. Westkreuz-Verlag, Bad Münstereifel 2004, Seite  23

[viii] Siehe Anmerkung II Erläuterungen, Seite 5

[ix] Eintrag der Eisfabrik im Denkmalkarte Land Berlin http://fbinter.stadt-berlin.de/fb/index.jsp?loginkey=zoomToMapById&mapId=denkmal@senstadt&Id=09011020 – Internet 8/20014

[x] „Innerstädischer Verlauf der Berliner Mauer“ http://www.berlin.de/mauer/verlauf/index/index.de.php – Internet 8/2014

„FIS-Broker Kartenanzeige Verlauf der Berliner Mauer, 1989“
http://fbinter.stadt-berlin.de/fb/index.jsp?loginkey=showMap&mapId=denkmal@senstadt – Internet 8/20014

[xi] Siehe Anmerkung V sowie IX

[xii] Siehe Foto und Karte http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/denkmale_in_berlin/de/berliner_mauer/mauer-spuren/mitte/heinestr16.shtml

– Internet 8/2014

[xiii] http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/denkmale_in_berlin/de/berliner_mauer/mauer-spuren/mitte/heinestr_2.shtml – Internet 8/2014

Details siehe hier / Foto und Karte
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/denkmale_in_berlin/de/berliner_mauer/mauer-spuren/mitte/heinestr22.shtml – Internet 8/2014

[xiv] http://www.berlin.de/sen/kultur/kulturpolitik/mauer/gesamtkonzept.html – Internet 8/2014