Kirchen

Kirchen in der Luisenstadt

Wer heute in der Nördlichen Luisenstadt einen Gottesdienst der beiden großen christlichen Konfessionen besuchen möchte, scheint seine Gemeinde vor lauter Kirchen nicht zu finden. Bei genauerem Hinsehen lassen sich die Bauten allerdings als Zeugnisse der besonderen und wechselvollen Geschichte des Stadtraumes lesen.

Die von August Stüler 1844/1845 als altchristliche Basilika entworfene St. Jacobi-Kirche an der Oranienstraße 132-134 ist das älteste erhaltene Bauwerk der Luisenstadt und verweist mit ihrem Vorhof und den Nebengebäuden auf den damals noch ländlich geprägten Charakter des Stadtteils. Die evangelische Gemeinde baute damals neben der kommunalen Armenpflege ein eigenes Pflegesystem zur Betreuung von Mittellosen und Kranken auf.

Die damalige verzweifelte Not in Berlin wurde auch beim Bau des Luisenstädtischen Kanals deutlich, der – sozusagen als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme – als innerstädtischer Kanal zwischen Mitte und Kreuzberg angelegt und 1852 eröffnet wurde. Auch aus Furcht vor der zunehmenden Industrialisierung, dem Einsatz von Maschinen und damit dem Verlust von Arbeitsplätzen war es im Oktober 1848 zu blutigen Auseinandersetzungen gekommen. Dagegen demonstrierte der Staat seine Macht, u.a. am Mariannenplatz – hier war von Wilhelm IV. anstelle des späteren Krankenhauses Bethanien zunächst die Errichtung eines der größten Haftanstalten Europas geplant  (die dann später in Moabit gebaut wurde).

Den Gotteshäusern, die von 1840 bis zum Ende der Monarchie 1918 errichtet wurden, kam vor allem die Funktion zu, der Herrschaft von Altar und Thron Ausdruck zu verleihen. Das zeigt sich auch an der 1848 geplanten und 1856 fertiggestellten St. Michael-Kirche. Das Bauwerk, vom Regenten gefördert, war vor allem für die hier stationierten Soldaten katholischen Glaubens errichtet worden. Auch die Benennung nach dem Erzengel Michael geht auf Wilhelm IV. zurück, der in dem mit einem Schwert bewaffneten Himmelswesen einen Schutzpatron und Kämpfer gegen innere und äußere Feinde sah.

Zur selben Zeit hatte die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde ihr Gotteshaus an der Annenstraße errichtet, es wurde 1857 fertiggestellt. Dabei verschaffte sie dem Architekten Herrmann Blankenstein einen ersten Bauauftrag in Berlin. (Später wurde er mit seinen Schul- und Markthallen-Bauten bekannt und Berliner Baustadtrat.) Da die Gemeinde aber nicht zur evangelischen Kirche Preußens gehörte – sie gehört auch heute noch nicht zur Landeskirche – blieb ihr der Bau eines Kirchturms verwehrt.

Das zweitgrößte Kirchenbauwerk der Luisenstadt, St. Thomas-Kirche, wurde 1869 nach Plänen des Architekten Friedrich Adler erbaut. In ihrer Größe sollte sie sich gegenüber dem ebenfalls am Mariannenplatz gelegenen Krankenhaus Bethanien und der umliegenden fünfstöckigen Wohnbebauung behaupten. Vor allem trug die Kirche mit ihren 1500 Sitzen und weiteren Stehplätzen dem rasanten Bevölkerungswachstum Rechnung. In seiner Dimension und den Stadtraum beherrschenden Standort war das vom Magistrat beauftragte Bauwerk Ausdruck kirchlicher und weltlicher Macht.

Nach den 1920er Jahren und der Zeit des Nationalsozialismus bildeten die Kriegszerstörungen sowie die Sektorengrenze und später der Verlauf der Mauer bedeutende Einschnitte. Die Gemeinden waren nun diesseits und jenseits der Mauer geteilt. Heute zeigen sich St. Jacobi und St. Thomas – wie viele Kirchen, die im Krieg ausgebrannt waren – außen original wiederhergestellt und im Inneren im Stil der Moderne der 1960er Jahre.

Die Michaelkirche im Ostteil der Stadt ist heute nur zum Teil als Kirche wieder nutzbar – ein anderer Teil der Fassade ergänzt den Innenhof mit einem Zweckbau aus den 1980er Jahren. Wenige Meter entfernt, auf dem im früheren Westberlin gelegenen Alfred-Döblin-Platz, findet man einen schmucklosen Betonbau des Architekten Hans Schaefers, der für die Westberliner St. Michael-Gemeindemitglieder 1965 errichtet worden war und als Jugendkirche genutzt wird.

Die Kirche, die später den Namen der Luisenstadt trug, existiert hingegen nicht mehr. An ihrem ehemaligen Standort in einer Grünanlage an der Sebastian- / Ecke Neue Jakobstraße sind nur noch einige Bodenmarkierungen sowie eine Informationstafel zu finden. Erst wurde es im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Ruine befand sich dann an der Sektorengrenze, der Mauer und dem späteren Grenzstreifen auf der Ostberliner Seite. 1964 wurde sie dort gesprengt.

Eberhard Elfert

“ecke köpenicker” nr. 5 – juli/august 2014 /
Stadtteilzeitung für das Fördergebiet Luisenstadt (Mitte).

Externer Link:
“ecke köpenicker” nr.5 juli/august 2014 – als PDF herunterladen, hier: